Die Uferzonen der Voralpenseen bergen archäologische Fundstätten von Weltrang. Viele davon sind akut von der Zerstörung bedroht. Eine internationale Forschergruppe aus Denkmalpflegern und Seenforschern hat sich daher zusammengefunden, um die archäologischen Fundstätten in der ökologisch empfindlichen Flachwasserzone nachhaltig vor der zunehmenden Zerstörung zu schützen.
Das Alpenvorland birgt in Seen und Moorgebieten archäologische Fundstätten von herausragender Bedeutung. Es handelt sich vor allem um Pfahlbausiedlungen aus der Zeit zwischen 4300 und 850 v. Chr., in seltenen Fällen auch aus dem 7. Jahrhundert v. Chr., aber auch um Schiffswracks und andere unter Wasser konservierte, historische Zeugnisse.

Pfahlbauten aus urgeschichtlicher Zeit sind ein besonderes Phänomen der Alpenländer. Rund um die Alpen legten die Menschen ihre Dörfer nicht nur auf trockenem Grund, sondern auch inmitten von Feuchtgebieten an – in der Flachwasserzone kleinerer und größerer Seen, in Mooren und seltener auch in Flussauen. Die optimalen Erhaltungsbedingungen unter Luftabschluss im ständig nassen Milieu erlauben erstaunlich lebendige Einblicke in das Leben der Menschen, die hier vor Tausenden von Jahren ihre Dörfer errichteten. Konstruktionshölzer, Speisereste, Vorräte, hölzerne Werkzeuge, Alltagsgegenstände und sogar Kleidungsstücke blieben erhalten (Abb. 1). Die Pfahlbauruinen bilden ein ausgesprochen facettenreiches Geschichtsarchiv, wie es nur an wenigen Orten der Welt vorhanden ist.
Leider sind diese archäologischen Schätze durch landwirtschaftliche Nutzung, die Entwässerung der Feuchtgebiete und den Nutzungsdruck auf die Seeufer zunehmend gefährdet. In vielen Voralpenseen zerstörte der Bau von Häfen und Uferbefestigungen zahlreiche Pfahlbausiedlungen vollständig. Auch heute sind Hafenerweiterungen und Baumaßnahmen im Uferbereich vielfach ein Problem. Weit gravierender ist jedoch die schleichende Zerstörung durch die Abtragung des Sediments in der Flachwasserzone (Abb. 2). Die genauen Mechanismen der Erosionsvorgänge sind noch kaum erkundet. Wasserstandsänderungen, Uferverbauungen und Schiffsverkehr sowie Schädigungen der schützenden Wasserpflanzen- und Schilfbestände sind mögliche Auslöser des Zerstörungsprozesses. An einigen Standorten trägt die Erosion in jedem Jahr einen Zentimeter Seegrund ab. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten können so die Jahrtausende alten Siedlungsreste vollständig verschwinden!

Die Uferzonen der Voralpenseen bergen aber nicht nur bedeutende archäologische Fundstätten, sie sind auch biologisch die vielfältigsten Bereiche des Sees: lichtdurchflutetes Habitat für Wasserpflanzen, Lebens- und Nahrungsraum gefährdeter Wasservogelarten, Laichgebiet für Fische, Substrat für Muscheln, Insektenlarven und unzählige andere Kleinlebewesen. Den Uferzonen kommt eine wichtige Rolle als ökologische Pufferzone zwischen den landseitigen Nutzungen und Belastungen und dem freien Seewasserkörper zu. Die vielfältigen Beziehungen sind noch nicht alle erforscht.
Eine internationale Forschergruppe aus Denkmalpflegern und Seenforschern hat sich daher zusammengefunden, um die archäologischen Fundstätten in der ökologisch empfindlichen Flachwasserzone nachhaltig vor der zunehmenden Zerstörung zu schützen.
Im Rahmen des Interreg IV-Projektes »Ufererosion und Denkmalschutz«, kofinanziert durch Mittel der Europäischen Union, stehen den Bodensee-Anrainern Schweiz, Deutschland und Österreich von 2008 bis 2011 hierfür rund 1,8 Millionen Euro zur Verfügung. Interreg ist ein Regionalprogramm der Europäischen Union (EU) zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Das Interreg IV-Programm »Alpenrhein – Bodensee – Hochrhein« will sich mit Projekten an der Überwindung von staatlichen Grenzen rund um den Bodensee beteiligen (Abb. 3). Das Projekt »Ufererosion und Denkmalschutz« wird gemeinsam vom baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege, dem Amt für Archäologie des Kantons Thurgau, der Kantonsarchäologie Zürich, dem Institut für Seenforschung des Landes Baden-Württemberg und dem Vorarlberger Landesmuseum getragen. Das Limnologische Institut der Universität Konstanz und das Wasserforschungs-Institut der Eidgenössischen Technischen Hochschulen sind Kooperationspartner.

Anhand einer ausgewählten und repräsentativen Anzahl von Fundstätten am Bodensee und Zürichsee wird der aktuelle Stand der Zerstörung dokumentiert. Wissenschaftler untersuchen die Mechanismen der Wellendynamik und der Sedimentumlagerung. Zudem werden Experimente mit dem Einbau von Erosionsschutz durchgeführt, z. B. in Form von flächig und rasterförmig ausgelegten Abdeckungen. Die jeweilige Wirksamkeit wird getestet und der Effekt der Maßnahmen auf den Seeboden als Lebensraum dokumentiert. Ziel der Untersuchungen ist eine Optimierung von Erosionsschutzmaßnahmen und Arbeitsabläufen unter gleichzeitiger Wahrung der ökologischen Vielfalt des Flachwasserbereiches.
Ein weiteres, wichtiges Ziel des Projektes besteht im Aufbau eines Monitorings zur Langzeitkontrolle der Unterwasserdenkmale mit standardisierten Methoden. Hier spielt die Kartierung der Fundstätten durch Forschungstaucher, die Dokumentation durch Fernerkundung und die bathymetrische Dokumentation des Seebodens eine wichtige Rolle. Zudem sollen geeignete Messtechniken zur Erfassung von Erosion und Akkumulationsvorgängen erprobt werden.
Besondere Bedeutung gewinnt das Projekt vor dem Hintergrund der internationalen Initiative zur Nominierung der Pfahlbauten als UNESCO-Welterbestätten, an der sich unter Federführung der Schweiz neben Deutschland und Österreich auch die Alpenländer Frankreich, Italien und Slowenien beteiligen. Für die Eintragung als UNESCO-Welterbe stellen geeignete Erhaltungs- und Überwachungsmaßnahmen eine unabdingbare Voraussetzung dar.
Marion Heumüller, Helmut Schlichtherle